Der Beweis: Die Persönlichkeit bestimmt das Schwarm-Verhalten

Neue Forschungsergebnisse zeigen, dass individuelle Charaktereigenschaften von Tieren starken Einfluss auf das Schwarm-Verhalten haben.

Diese Erkenntnis kann auf Unternehmen übertragen werden. Das bedeutet: Die Persönlichkeit des Menschen ist für die Leistungsfähigkeit selbststeuernder Organisationen genauso wichtig, wie seine Kompetenzen.

Schwarm, Schwarmintelligenz und Schwarmorganisation

Eine Schwarmorganisation bezieht ihre Stärke unter anderem aus ihrer Schwarmintelligenz. Der Begriff Schwarmintelligenz wurde erstmals von Beni, Hackwood und Wang Ende der 1980er Jahre eingeführt (siehe z.B. Beni, G.: The concept of cellular robotic system. Proceedings of IEEE Int. Symp. on Intelligent Control. IEEE Computer Society Press, Los Alamitos, pp. 57–62, 1988).

Schwarmintelligenz entsteht in einer Gruppe von unabhängig agierenden Individuen, die auf Aktivitäten in ihrer unmittelbaren Umgebung entsprechend einfacher Verhaltensregeln reagieren. Aus diesen örtlich begrenzten Wechselwirkungen entsteht ein zielgerichtetes, intelligentes Verhalten des gesamten Schwarms. Dieses Verhalten sichert in der Natur dessen Überleben. Und in der Wirtschaft den Erfolg eines als Schwarm organisierten Unternehmens.

Oberflächlich betrachtet scheinen Schwarm-bildende Lebewesen alle gleich zu sein. Wenn wir Schwärme aus Ameisen, Vögeln, Heuschrecken, Honigbienen oder Heringen anschauen, scheint es keine individuellen Unterschiede zu geben. Diese Beobachtung führt schon mal zu Diskussionen darüber, ob Schwärme in der Natur als “Vorlage” für flexible, robuste und selbststeuernde Organisationsformen von Unternehmen geeignet sind. Ich habe das immer bejaht.

Aus meiner Sicht wird eine Schwarmorganisation aber auch nicht durch gleichartige, gesichtslose Menschen gebildet. Sondern durch Wissensarbeiter – mit all der schillernden, bunten Vielfalt an fachlichen wie persönlichen Unterschieden und Eigenheiten. Diese vernetzen sich in Schwarmorganisationen aus eigenem Antrieb mit unterschiedlichen Kompetenzpartnern und kooperieren je nach Aufgabenstellung auf bestmögliche Art und Weise miteinander (Schwarm erster Ordnung). Dadurch bilden sich Teams unterschiedlichster Art, die selbst mit anderen Teams zusammenarbeiten und so größere Organisationseinheiten bilden (Schwarm zweiter Ordnung). Schließlich vernetzen sich die Organisationseinheiten zu einem Unternehmen (Schwarm dritter Ordnung).

Tierpersönlichkeiten und Schwarmverhalten

Somit scheint die Schwarmorganisation in Unternehmen wenig mit ihrem biologischen Gegenstück gemein zu haben. Dem ist aber nicht so. Denn auch in der Natur weisen die Mitglieder eines Schwarms individuelle Unterschiede auf. Schon lange ist bekannt, dass es unterschiedliche Rollen in Schwärmen gibt. Vielleicht kennen Sie die Arbeiterinnen, die Königin und die Drohnen bei Bienenvölkern. Die unfruchtbaren Arbeiterinnen übernehmen je nach Lebensalter unterschiedliche Aufgaben.

Ein Schwarm voller Tierpersönlichkeiten In der Natur weisen die Mitglieder eines Schwarms individuelle Unterschiede auf. Schon lange ist bekannt, dass es unterschiedliche Rollen in Schwärmen gibt. Vielleicht kennen Sie die Arbeiterinnen, die Königin und die Drohnen bei Bienenvölkern. Die unfruchtbaren Arbeiterinnen übernehmen je nach Lebensalter unterschiedliche Aufgaben. Die individuellen Unterschiede sind aber noch deutlich ausgeprägter. Bei den Bienen verhalten sich manche Arbeiterinnen neugierig und mutig, andere vorsichtig und zurückhaltend. Und erstere sind es dann, die sich aufmachen und eine neue Heimat suchen, wenn ein Bienenstock sich teilt. Solche individuellen Charakterunterschiede sind bei Tieren allgegenwärtig und werden auch Tierpersönlichkeit (animal personality) genannt. Individuelle Persönlichkeitsmerkmale bei Stichlingen zeigen sich in folgenden Verhaltensunterschieden: Wie viel Zeit ein Stichling in der Nähe seiner Artgenossen verbringt, wie schnell er schwimmt, ob er sich in der Mitte oder am Rand aufhält und anderen Fischen des Schwarms folgt. Schwärme mit Fischen, die mehr Zeit in der Nähe ihrer Artgenossen verbringen, sich im Zentrum des Schwarms aufhalten, eher langsam sind sowie dazu neigen, anderen Fischen zu folgen, weisen dann einen deutlichen Zusammenhalt auf. Sie bewegten sich aber auch weniger und sind weniger koordiniert als solche Gruppen, deren Mitglieder zu weniger “sozialem Zusammenhalt” und schnellerer Fortbewegung neigen.Die Unterschiede sind aber noch deutlich ausgeprägter und viel “persönlicher”. Bei den Bienen verhalten sich manche Arbeiterinnen neugierig und mutig, andere vorsichtig und zurückhaltend. Und erstere sind es dann, die sich aufmachen und eine neue Heimat suchen, wenn ein Bienenstock sich teilt. Solche individuellen Charakterunterschiede sind bei Tieren allgegenwärtig und werden auch Tierpersönlichkeit (animal personality) genannt.

Bislang war der Einfluss dieser Tierpersönlichkeiten auf das Gruppenverhalten eines Schwarms nicht klar. Die Ergebnisse eines Forschungsprojekts der Universität Konstanz, des Max-Planck-Instituts für Ornithologie in Radolfzell und der Universität Cambridge weisen nun eindeutig nach, dass individuelle Charaktereigenschaften der Tiere Einfluss auf die Führungskultur, den Zusammenhalt, die Bewegungsdynamik und Gruppenleistung eines Schwarms haben, siehe Jolles et al., ‘Consistent Individual Differences Drive Collective Behavior and Group Functioning of Schooling Fish’, Current Biology (2017).

Die Wissenschaftler untersuchten Schwärme von Stichlingen. Deren individuelle Persönlichkeiten zeigen sich in Verhaltensunterschieden: Wie viel Zeit ein Stichling in der Nähe seiner Artgenossen verbringt, wie schnell er schwimmt, ob er sich in der Mitte oder am Rand aufhält und anderen Fischen des Schwarms folgt. Indem sie bestimmte Persönlichkeitstypen in einem Schwarm zusammenführten, konnten die Wissenschaftler das Schwarmverhalten mit der Tierpersönlichkeit in Verbindung bringen.

So weisen zum Beispiel Schwärme mit Fischen, die mehr Zeit in der Nähe ihrer Artgenossen verbringen, sich im Zentrum des Schwarms aufhalten, eher langsam sind und dazu neigen, anderen Fischen zu folgen, einen deutlich höheren Zusammenhalt auf. Sie bewegten sich aber auch weniger und sind weniger koordiniert als solche Gruppen, deren Mitglieder zu weniger “sozialem Zusammenhalt” und schnellerer Fortbewegung neigen.

Konsequenzen für Unternehmen

Zunächst einmal: Erkenntnisse über Schwarmorganisationen aus der Biologie können auf “menschliche Schwärme” übertragen werden. In dem hochinteressanten Artikel von Markus Schatten und Miroslav Žugaj: BIOMIMETICS IN MODERN ORGANIZATIONS – LAWS OR METAPHORS?, Interdisciplinary Description of Complex Systems 9(1), 39–55, 2011 kommen die Autoren zu dem Schluss, dass insbesondere das Konzept der Schwarmorganisation zum Verständnis und zur Entwicklung von selbststeuernden Organisationen geeignet ist.

Was bedeuten nun aber die neuen Erkenntnisse über das Schwarmverhalten für Unternehmen? Sie betonen die große Bedeutung der individuellen Persönlichkeit von Mitgliedern selbststeuernder Organisationen und Teams. Damit tritt die Rolle des Coaches einer Führungskraft in “Selbstorganisationen” in den Vordergrund. Denn die Führungskraft als Coach arbeitet an der Persönlichkeitsentwicklung des Menschen.

Zudem sind sie wichtig für das Rollenkonzept in selbststeuernden Organisationen. In diesen verlieren hierarchische Positionen an Bedeutung und werden durch Rollen ersetzt. Diese tragen (vorübergehend) die Verantwortung für bestimmte Themen oder Aufgabenfelder in Projekt-, Koordinations- oder Strategieteams. Die Rollen werden von Personen besetzt, die für die aktuellen Herausforderungen geeignet sind. Dabei wurde bislang vor allem auf die Kompetenzen der Kandidaten geschaut. Vor dem Hintergrund der neuen Erkenntnisse müssen wir aber – mindestens – ebenso genau auf deren Persönlichkeit schauen. Welche Persönlichkeitstypen für welche Rollen und Herausforderungen geeignet sind, welche Rollen es gibt und welche Führungskräfte wir dafür brauchen diskutiere ich den den beiden Artikeln Die „ideale Führungskraft“ für selbststeuernde Organisationen und Agile Führung – Persönlichkeit und Entwicklung agiler Führungskräfte.

Die gute Nachricht lautet: Wenn Sie die Bedeutung des Individuums in Ihrem Organisations- und Führungskonzept berücksichtigen, bedienen Sie gleichzeitig den Trend zur Individualisierung. Im Ergebnis haben Sie dann nicht nur eine leistungsfähige Organisation, sondern auch engagierte, loyale Mitarbeitende.

Wenn Sie Anregungen, Ergänzungen oder Kommentare zu den neuen Forschungsergebnissen oder der Analogie zwischen Biologie und Wirtschaftswelt haben, senden Sie mir eine E-Mail und lassen Sie mich an Ihren Gedanken teilhaben!