Erfolgreich Neues: Schwarmintelligenz

Schwarmintelligenz entwickelt sich zu einer der wertvollsten Ressourcen von Unternehmen. Sie wächst mit den neuen Möglichkeiten der Vernetzung von Wissen durch die Digitalisierung.

Schwarmintelligenz ermöglicht Crowdsourcing und Open Innovation. Und sie führt zu einer neuen Qualität von Entscheidungen. Das ist einer der Gründe der Überlegenheit von Organisationsformen des Wachstumsbereichs der S-Matrix, wie die Schwarmorganisation, agile Organisation, Netzwerkorganisation, Sociocracy oder Holacracy.

<h1 id="vonschwarmintelligenzbisopeninnovation">Von Schwarmintelligenz bis Open Innovation</h1> <p>Dieser Artikel ist der Erste aus einer dreiteiligen Reihe mit dem Titel <em>Erfolgreich Neues.</em> In diesem Beitrag gehe ich auf <em>Schwarmintelligenz</em> ein. Ich diskutiere, was man unter Schwarmintelligenz versteht, was sie zu leisten vermag und wo sie auftritt. In den folgenden Beiträgen beleuchte ich wichtige Einsatzfelder der Schwarmintelligenz: Das <em>Crowdsourcing</em> und eine spezifische Ausprägung davon, <em>Open Innovation.</em></p>Dieser Artikel ist der erste aus einer dreiteiligen Reihe mit dem Titel Erfolgreich Neues. In diesem Beitrag gehe ich auf Schwarmintelligenz ein. Ich diskutiere, was man unter Schwarmintelligenz versteht, was sie zu leisten vermag und wo sie auftritt. In den folgenden Beiträgen beleuchte ich wichtige Einsatzfelder der Schwarmintelligenz: Das Crowdsourcing und eine spezifische Ausprägung davon, Open Innovation.

Agile & Open Innovation Die Inhalte des Beitrags sind Teil der Theorie zur zertifizierten Ausbildung zum Agile & Open Innovation Facilitator. Die Ausbildung verbindet die Ansätze Open Innovation, Design Thinking, Agile Development und Lean Startup zu einem integrierten und besonders leistungsfähigen Innovationsverfahren. Sie umfasst ein intensives, eintägiges Training sowie die Umsetzung eines Innovationsvorhabens.

Die Inhalte des Beitrags sind Teil der Theorie zur zertifizierten Ausbildung zum Agile & Open Innovation Facilitator. Die Ausbildung verbindet die Ansätze Open Innovation, Design Thinking, Agile Development und Lean Startup zu einem integrierten und besonders leistungsfähigen Innovationsverfahren. Sie umfasst ein intensives, eintägiges Training sowie die Umsetzung eines Innovationsvorhabens. Näheres finden Sie im zugehörigen Informationsblatt.

Aristoteles natürlich, wer sonst?

Es war Aristoteles, der bereits vor mehr als 2.300 Jahren das Potenzial der Schwarmintelligenz erkannte. Aristoteles, der Begriffe wie Substanz, Materie, Form, Energie, Theorie und Praxis prägte, befasste sich auch mit Politik. In diesem Zusammenhang stellte er die so genannte Summierungsthese auf. Demnach kann eine (politische) Entscheidung einer größeren Gruppe von Menschen besser sein, als die weniger Experten. Aber lassen wir Aristoteles selbst zu Wort kommen:

Denn die Menge, von der der einzelne kein tüchtiger Mann ist, scheint doch in ihrer Gesamtheit besser sein zu können als jene Besten. […] Denn es sind viele, und jeder hat einen Teil an Tugend und Einsicht. Wie sie zusammenkommen, so wird die Menge wie ein einziger Mensch, der viele Füße, Hände und Wahrnehmungsorgane hat und ebenso, was den Charakter und den Intellekt betrifft. So beurteilt auch die Menge die Werke der Musik und der Dichter besser; der eine beurteilt diese, der andere jene Seite, und so urteilen alle über das Ganze. (Aristoteles, aus seinem Hauptwerk Politik)

Was versteht man unter Schwarmintelligenz?

Superorganismus einer Schwarmintelligenz Schwarmintelligenz entsteht durch das Zusammenspiel einer größeren Zahl unabhängiger, selbstbestimmter Individuen. Sie bilden einen so genannten Superorganismus von Individuen derselben Art. Diese folgen dabei mehr oder weniger einfachen Regeln der Kommunikation und des Verhaltens. Sie kommunizieren direkt nur mit ihren Nachbarn, ansonsten indirekt (One-to-Many) über Verhalten, Hinterlassenschaften oder Symbole. Sie passen ihr Verhalten an ihre unmittelbare Umwelt an. Und kognitive Leistungen erbringen sie unabhängig von anderen. Einen dauerhaften Führer gibt es nicht. Je nach Situation kann aber ein Individuum vorübergehend eine Führungsposition übernehmen. Bei den Individuen eines Superorganismus kann es sich um biologische (Lebewesen) oder künstliche Organismen handeln. Biologische Organismen sind zum Beispiel Ameisen in einem Ameisenstaat, Fische in einem Fischschwarm oder Menschen in Gruppen, Gemeinschaften oder Gesellschaften. Künstliche Organismen sind zum Beispiel selbst organisierte, autonom agierende Roboter bzw. Drohnen, die in Schwärmen zusammenarbeiten (Schwarmroboter).Schwarmintelligenz entsteht durch das Zusammenspiel einer größeren Zahl unabhängiger, selbstbestimmter Individuen. Sie bilden einen so genannten Superorganismus von Individuen derselben Art. Diese folgen dabei mehr oder weniger einfachen Regeln der Kommunikation und des Verhaltens. Sie kommunizieren direkt nur mit ihren Nachbarn, ansonsten indirekt (One-to-Many) über Verhalten, Hinterlassenschaften oder Symbole. Sie passen ihr Verhalten an ihre unmittelbare Umwelt an. Und kognitive Leistungen erbringen sie unabhängig von anderen. Einen dauerhaften Führer gibt es nicht. Je nach Situation kann aber ein Individuum vorübergehend eine Führungsposition übernehmen.

Bei den Individuen eines Superorganismus kann es sich um biologische (Lebewesen) oder künstliche Organismen handeln. Biologische Organismen sind zum Beispiel Ameisen in einem Ameisenstaat, Fische in einem Fischschwarm oder Menschen in Gruppen, Gemeinschaften oder Gesellschaften. Künstliche Organismen sind zum Beispiel selbst organisierte, autonom agierende Roboter bzw. Drohnen, die in Schwärmen zusammenarbeiten (Schwarmroboter).

In manchen Denkrichtungen der Philosophie des Geistes ist auch das Bewusstsein des Menschen eine Art Schwarmintelligenz. Es ist das Ergebnis des Zusammenspiels der etwa 100 Milliarden Nervenzellen (Neuronen) über etwa 100 Billionen Verbindungen (Synapsen) im menschlichen Gehirn. Diese Idee kann skaliert werden. Damit lassen sich Phänomene wie kollektives oder globales Bewusstsein erklären. Und es wirft ein neues – für manche beunruhigendes – Licht auf aktuelle Entwicklungen der künstlichen Intelligenz. Demnach ist die Entstehung eines “menschenähnlichen” Bewusstseins nur eine Frage der Anzahl und Art des Zusammenspiels der Elemente in künstlichen neuronalen Netzwerken.

Eine Schwarmintelligenz bringt Ergebnisse ganz unterschiedlicher Art hervor:

  1. <h1 id="wasschwarmintelligenzleistenkann">Was Schwarmintelligenz leisten kann</h1> <p>Eine Schwarmintelligenz bringt Ergebnisse ganz unterschiedlicher Art hervor:</p> <ol> <li><strong>Denken:</strong> Gemeinschaftliche Denkleistungen, Kreativität, Bewertungen und Schätzungen</li> <li><strong>Kreation:</strong> Neuartige Formen bzw. Strukturen, Eigenschaften und Verhaltensweisen von Superorganismen</li> <li><strong>Interaktion:</strong> Selbstgesteuerte, unmittelbare, verteilte und robuste Interaktion mit der Umwelt</li> </ol>Denken: Gemeinschaftliche Denkleistungen, Kreativität, Bewertungen und Schätzungen
  2. Kreation: Neuartige Formen bzw. Strukturen, Eigenschaften und Verhaltensweisen von Superorganismen
  3. Interaktion: Selbstgesteuerte, unmittelbare, verteilte und robuste Interaktion mit der Umwelt

Die Leistungen einer Schwarmintelligenz kann nicht unmittelbar auf Beiträge einzelner Individuen zurückgeführt werden. So hängt die Qualität einer Schätzung einer großen Gruppe nicht vom Urteil einiger weniger Experten ab. Auch übertrifft das Zusammenwirken der Handlungsweisen von Ameisen in einem Ameisenstaat bei weitem die Möglichkeiten einzelner Ameisen. Und die militärischen Fähigkeiten eines Drohnenschwarms steht in keinem Verhältnis zur Schlagkraft einer einzelnen Mikro-Kampfdrohne (Micro Air Vehicle). Wohl aber beeinflusst die “Persönlichkeit” der Individuen eines Schwarms dessen Leistungen. Auf diesen Aspekt gehe ich näher in diesem Beitrag ein.

Schwarmintelligenz von Menschen

Wir nutzen heute beinahe täglich Schwarmintelligenz. Wenn ich mich für ein neues Produkt interessiere, suche ich im Internet nach möglichst vielen Test- oder Erfahrungsberichten und lese Beiträge in Foren bzw. Rezensionen. Aus all diesen voneinander unabhängigen, subjektiven und teilweise bewusst tendenziösen Informationsfragmenten entsteht ein erfahrungsgemäß relativ objektives und aussagekräftiges Bild.

Ein Schwarm ist grundsätzlich “intelligenter” als jeder Experte mit seiner Einzelmeinung. Um Ergebnisse von hoher Qualität zu erhalten, reicht es allerdings nicht aus, einer beliebigen Gruppe von Menschen einfach eine Aufgabe zu stellen. Hierzu sind fünf Erfolgsfaktoren zu erfüllen.

Schwarmintelligenz ist umso größer:

  1. <h1 id="kriterienfrdasentstehenvonschwarmintelligenz">5 Kriterien für das Entstehen von Schwarmintelligenz</h1> <p>Schwarmintelligenz ist umso größer:</p> <ol> <li>Je größer eine Gruppe ist <strong>(Statistik)</strong></li> <li>Je vielfältiger das Wissen, die Erfahrung, die Herkunft, das Alter usw. der Gruppenmitglieder sind <strong>(Heterogenität)</strong></li> <li>Je freier und unbelasteter die Gruppenmitglieder ihre Meinung äußern können <strong>(Abhängigkeit)</strong></li> <li>Je weniger sie von den Einschätzungen der anderen Gruppenmitgliedern oder eines Experten wissen bzw. beeinflusst sind <strong>(Beeinflussung)</strong></li> <li>Je ernsthafter die Gruppenmitglieder an der Lösung der Aufgabe interessiert sind <strong>(Motivation)</strong></li> </ol>Je größer eine Gruppe ist (Statistik)
  2. Je vielfältiger das Wissen, die Erfahrung, die Herkunft, das Alter usw. der Gruppenmitglieder sind (Heterogenität)
  3. Je freier und unbelasteter die Gruppenmitglieder ihre Meinung äußern können (Abhängigkeit)
  4. Je weniger sie von den Einschätzungen der anderen Gruppenmitglieder oder eines Experten wissen bzw. beeinflusst sind (Beeinflussung)
  5. Je ernsthafter die Gruppenmitglieder an der Lösung der Aufgabe interessiert sind (Motivation)

Daneben gibt es banale Voraussetzungen, damit Schwarmintelligenz überhaupt entstehen kann. So müssen geeignete Kommunikationskanäle zur Sammlung und Mechanismen zur Verarbeitung der einzelnen Antworten existieren. Und die Mitglieder des Schwarms müssen verstehen, worum es bei der Aufgabenstellung geht. Sie müssen die Fragestellung also intellektuell erfassen können. Damit ist aber kein Expertentum gemeint!

Denn (vermeintliche) Experten und hierarchisch höher gestellte Personen haben einen eher negativen Einfluss auf Schwarmintelligenz. Es wird ihnen, meist unbewusst, ein Informationsvorsprung und ein besseres Urteilsvermögen zugesprochen. Äußert eine solche Person ihre Meinung, beeinflusst sie das Urteilsvermögen aller anderen in der Gruppe. Der Schwarm kann sein Potenzial nicht frei entfalten. Das ist eine Ausprägung des so genannten Halo-Effekts und widerspricht dem Erfolgskriterium vier.

Die Qualität der Ergebnisse hängt auch vom Fragen-Design ab. Also die Art, wie der Gruppe eine Aufgabe gestellt wird. Jede Aufgabenstellung erfordert eine genau auf ihre Natur abgestimmte Fragestellung. Ist sie sehr offen, gehen die Antworten der Gruppenmitglieder in völlig unterschiedliche Richtungen. Es entsteht kein klares Bild, keine eindeutige Antwort des Schwarms. Das Ergebnis ist dann eine Ideensammlung. Diese hat bei der Suche nach Innovationen ihren Nutzen.

Ist die Fragestellung sehr eng, entscheidet sich der Schwarm zwischen mehr oder weniger vorgegebenen Alternativen. Das Ergebnis ist dann nur so gut, wie die beste “vorgedachte” Alternative. Das ist zielführend beispielsweise bei Kategorisierungsaufgaben oder Entscheidungen. Kreative Denkleistungen des Schwarms schränkt das aber ein.

Als klassisches Beispiel für das Potenzial der Schwarmintelligenz gilt ein Experiment von Sir Francis Galton. Als Begründer der Eugenik wollte er eigentlich die Dummheit der Masse beweisen. Stattdessen zeigte er das Gegenteil: Der Mittelwert (Median) der Schätzungen des Gewichtes eines Ochsen durch eine große Zahl von Besuchern einer Nutztiermesse zeigte nur eine Abweichung von 0,8% vom tatsächlichen Wert. Das gelang keinem Experten.

Ich habe die Überlegenheit der Schwarmintelligenz gegenüber fachkundigen Einzelmeinungen häufig bei Innovationen erlebt. Viele Ideen, die in den Köpfen von Experten aus den Forschungs- und Entwicklungsbereichen der Unternehmen oder der Unternehmensleitung ihren Anfang nahmen, wurden nie zu erfolgreichen Innovationen. Ideen aber, die im Rahmen von Open Innovation durch eine Community oder Crowd entstanden, wurden es. Darauf gehe ich in diesem Beitrag näher ein.

Schwarmintelligenz und Schwarmorganisation

Eine Schwarmorganisation, wie ich sie in den Beiträgen Die Schwarmorganisation ‘in a nutshell’ und Produktentstehung in der Schwarmorganisation – Der Schwarm beschrieben habe, kann alle drei Arten der oben genannten Leistungen der Schwarmintelligenz erbringen:

  1. <h1 id="schwrmeundschwarmorganisation">Schwärme und Schwarmorganisation</h1> <p>Eine Schwarmorganisation, wie ich sie in den Beiträgen <a href="https://www.schwarmorganisation.de/2017/05/02/die-schwarmorganisation-in-a-nutshell/">Die Schwarmorganisation ‘in a nutshell’</a> und <a href="https://www.schwarmorganisation.de/2017/12/01/produktentstehung-in-der-schwarmorganisation-der-schwarm/">Produktentstehung in der Schwarmorganisation – Der Schwarm</a> beschrieben habe, kann alle drei Arten der oben genannten Leistungen der Schwarmintelligenz erbringen:</p> <ol> <li>Die Mitglieder einer Schwarmorganisation können ihre Zusammenarbeit unter Berücksichtigung der genannten Erfolgskriterien so regeln, dass Schwarmintelligenz allgegenwärtig ist und die Führung übernimmt.</li> <li>Sie ändern je nach aktuellen Umweltbedingungen ihre (Netzwerk-) Struktur und Arbeitsorganisationen in den Schwärmen.</li> <li>Und die Menschen bzw. Schwärme können als selbstorganisierte und selbstgesteuerte Einheiten überall auf der Welt mit ihrer jeweiligen Umwelt interagieren.</li> </ol> <p>Ich verweise hier nochmals auf das Bild <em>Schwärme und Schwarmorganisation</em> aus dem letztgenannten Artikel. Die dort gezeigte Schwarmorganisation erinnert stark an Zellen, die Organe bilden und schließlich einen Organismus - einen <em>Superorganismus!</em></p>Die Mitglieder einer Schwarmorganisation können ihre Zusammenarbeit unter Berücksichtigung der genannten Erfolgskriterien so regeln, dass Schwarmintelligenz allgegenwärtig ist und die Führung übernimmt.
  2. Sie ändern je nach aktuellen Umweltbedingungen ihre (Netzwerk-) Struktur und Arbeitsorganisationen in den Schwärmen.
  3. Und die Menschen bzw. Schwärme können als selbstorganisierte und selbstgesteuerte Einheiten überall auf der Welt mit ihrer jeweiligen Umwelt interagieren.

Ich verweise hier nochmals auf das Bild Schwärme und Schwarmorganisation aus dem letztgenannten Artikel. Die dort gezeigte Schwarmorganisation erinnert stark an Zellen, die Organe bilden und schließlich einen Organismus – einen Superorganismus!

Wie können Unternehmen Schwarmintelligenz einsetzen?

Für alle drei Ausprägungen der Schwarmintelligenz – Denken, Kreation und Interaktion – gibt es Anwendungen im wirtschaftlichen Umfeld. Betrachten wir zunächst die beiden letztgenannten, Kreation und Interaktion.

Kreation und Interaktion

Schwarmintelligenz spielt beispielsweise bei der Realisierung selbststeuernder Produktionssysteme im Kontext von Industrie 4.0 eine wichtige Rolle. So koordinieren sich die Elemente einer Produktionslinie selbstständig, ohne zentrale Steuerung. Ähnlich wie Ameisen bei der Futtersuche (Ameisenalgorithmus) finden die Werkstücke selbst die jeweils richtigen und effizientesten Routen entlang der Produktionsmittel.

Ebenso gibt es Anwendungen der Schwarmintelligenz in der Logistik. In zellularen Transportsystemen organisieren sich autonome und untereinander vernetzte Transportfahrzeuge selbst. Sie navigieren vollständig losgelöst von zentralen Planungs- und Steuerungssystemen. Sie bilden so ein höchst flexibles und skalierbares Materialfluss-System. Aktuelle Umweltinformationen – Hindernisse, Stauungen, fehlende Materialien – tauschen sie untereinander aus und optimieren danach ihre Routen. Durch ihre Selbstorganisation im Kollektiv reduzieren sie Inbetriebnahme-Zeiten auf ein Minimum.

Diese Ansätze aus der Logistik können weitergeführt werden. Das Ergebnis sind Schwarmroboter, welche die verschiedensten Aufgaben erfüllen. Für Messungen können sich selbst organisierende Schwärme verschiedener Typen simpler Roboter mit jeweils einem Messfühler viel mehr und bessere Daten bei sich ändernden Umweltbedingungen sammeln, als ein leistungsfähiges Messinstrument. Kleine und kleinste Roboter können sich je nach Bedarf zu unterschiedlichen, größeren Strukturen zusammenballen, die in unserer makroskopischen Welt agieren. Roboterschwärme sind äußerst robust. Selbst beim Ausfall einzelner Roboter ist die Funktion des Gesamtsystems nicht gefährdet.

Weitere Anwendungsgebiete sind die Anordnung von Zellen in Schaltkreisen und im Design von Kommunikationsnetzwerken. In der Molekularbiologie wird sie genutzt, um Proteinfaltungen zu finden.

Denken im Schwarm

Bei der Nutzung von Schwarmintelligenz in Unternehmen dominiert aber ganz klar die Lösung von “Denkaufgaben” durch einen Schwarm von Menschen. Das ist vor allem die Domäne des Crowdsourcing, das die Erfolgsfaktoren der Schwarmintelligenz in besonderem Maße erfüllt. Insbesondere nutzt Crowdsourcing große Gruppen von Menschen (Crowd), was die Anforderungen der Statistik (Erfolgsfaktor 1) erfüllt. Auf Crowdsourcing gehe ich in diesem Beitrag explizit ein.

Das Potenzial der Schwarmintelligenz erschließt sich teilweise auch schon bei kleineren Gruppen. Auch wenn diese das erste Kriterium nur unzureichend erfüllen. Bei komplexen Fragestellungen erzielen mittelgroße Gruppen sogar bessere Ergebnisse. Das hat Mirta Galesic nachgewiesen. Sie ist Professorin am Santa Fe Institute in New Mexico und Expertin für die Dynamik in sozialen Systemen. Diese Einsatzgebiete stelle ich im Folgenden vor.

<h1 id="scoring-kriterienfrinnovationen">Scoring-Kriterien für Innovationen</h1> <p>Zu den Einsatzgebieten der Schwarmintelligenz bei kleinen Gruppen gehören Bewertungen oder Portfolio-Entscheidungen, die von Gruppen anhand bestimmter Kriterien getroffen werden. Es geht beispielsweise um die Frage, welches Projekt, welche Innovation oder ähnliches aus einer vorliegenden Sammlung vorrangig umgesetzt werden soll. Das geschieht mit so genannten <strong>Scoring-Verfahren.</strong> Dabei bewertet ein <em>Scoring-Team</em> - das ist in diesem Fall der Schwarm - mit Hilfe eines <em>Scoring-Modells</em> die verschiedenen Ideen. Das Scoring-Modell umfasst Bewertungskriterien wie <em>Technische Realisierbarkeit, Marktpotenzial, Risikobeherrschung</em> oder <em>Strategischer Nutzen.</em></p>Hierzu gehören Bewertungen oder Portfolio-Entscheidungen, die von Gruppen anhand bestimmter Kriterien getroffen werden. Es geht beispielsweise um die Frage, welches Projekt, welche Innovation oder ähnliches aus einer vorliegenden Sammlung vorrangig umgesetzt werden soll. Das geschieht mit so genannten Scoring-Verfahren. Dabei bewertet ein Scoring-Team – das ist in diesem Fall der Schwarm – mit Hilfe eines Scoring-Modells die verschiedenen Ideen. Das Scoring-Modell umfasst Bewertungskriterien wie Technische Realisierbarkeit, Marktpotenzial, Risikobeherrschung oder Strategischer Nutzen.

Ich habe solche Scoring-Verfahren bei einer Vielzahl von Unternehmen eingeführt. Dazu gehören Austrian Institute of Technology, Deutsche Telekom, E-Plus, Heidelberger Druckmaschinen, SKF oder Swisscom. Um ehrlich zu sein: Die Leistungen der Scoring-Teams waren nicht immer zufriedenstellend. Gründe liegen in der Nichterfüllung obiger Erfolgsfaktoren. So ist es mir oft nicht gelungen,

  • den Schwarm ausreichend groß zu machen (“Ich habe keine Zeit. Soll John Doe doch entscheiden.” – Verletzung Erfolgsfaktor 1),
  • ihn heterogen zusammenzusetzen (“Es müssen die dabei sein, die davon wirklich etwas verstehen.” – Verletzung Erfolgsfaktor 2),
  • für freie Meinungsäußerung zu sorgen (“Wenn der Chef das sagt …” – Verletzung Erfolgsfaktor 3),
  • unbeeinflusste Bewertungen sicherzustellen (“Wir sind doch nicht im Kindergarten. Natürlich bilden wir uns gemeinsam eine Meinung und bewerten dann zusammen.” – Verletzung Erfolgsfaktor 4) und
  • motivierte Menschen zu versammeln (“Noch eine Bewertung? Das ist eine Zumutung!” – Verletzung Erfolgsfaktor 5).

Wenn sich ein Unternehmen aber nach allen Regeln der Kunst darauf eingelassen hat, waren die Einschätzungen des Schwarms von geradezu beängstigender Hellsichtigkeit.

Der große Bruder des Scorings ist Social Forecasting. Das ist im Gegensatz zum Scoring eher eine Crowdsourcing-Anwendung. Sie wird von Unternehmen zur Vorbereitung geschäftlicher Entscheidungen eingesetzt. Dazu werden eine größere Zahl oder alle Mitarbeiter nach zukünftigen unternehmensrelevanten Entwicklungen befragt. Das können die Marktentwicklung für Produkte, Kostenschätzungen, Risikoeinschätzungen oder Trends sein.

Schwarmintelligenz ist auch Bestandteil agiler Konzepte. So schätzen die Mitglieder agiler Teams den Aufwand für die Erfüllung von Anforderungen in Projekten. Das geschieht bei Scrum im Rahmen des Planning Poker, beim Scaled Agile Framework (SAFe) im Rahmen des Estimation Poker während des PI-Plannings. Das Vorgehen ist immer ähnlich: Geschätzt werden abstrakte Größen, zum Beispiel Story Points. Sie stehen für den relativen Aufwand zur Erfüllung einer Anforderung oder Aufgabe. Die Teammitglieder schätzen unabhängig von den anderen, wie viele Aufwandspunkte dem Arbeitsumfang entsprechen. Der Mittelwert aller Einzelschätzungen fließt dann in die Planung ein. Es hat sich gezeigt, dass derartige Schätzungen deutlich genauer sind als die Planungen von Projektmanagern oder einzelner Experten.

Entscheidungen vom Schwarm und die Überlegenheit von Selbstorganisation

Wenn wir den Blick über Projektarbeit hinausgehen lassen, stellen wir fest, dass dieses Prinzip bei allen auf Selbstorganisation basierenden Organisationsformen zum Tragen kommt. Dazu gehören Schwarmorganisationen, Netzwerkorganisationen, agile Organisationen, Holacracy und demokratisch geführte Unternehmen. Die Schwarmintelligenz zeigt sich bei kreativen Problemlösungen und Entscheidungen durch heterogen zusammengesetzte Gruppen. Das sind die Teams bei Projektorganisationen und agilen Organisationen oder Kreise bei Sociocracy bzw. Holacracy.

Im Gegensatz dazu stehen die Entscheidungsmechanismen in klassisch-hierarchischen Organisationen. Dort steht der “kompetente Entscheider” einsam an der Spitze und trägt die ganze “Last der Verantwortung”. In populären Büchern, wie Die Weisheit der Vielen von James Surowiecki (Random House Verlagsgruppe, 2005) oder Schwarmdumm von Gunter Dueck (Campus, 2015) wird eindrucksvoll aufgezeigt, auf was für einem Holzweg wir uns damit befinden.

Manche Entscheidungsverfahren innerhalb von Gruppen widersprechen allerdings dem einen oder anderen Erfolgsfaktor der Schwarmintelligenz. Dazu gehört zum Beispiel das Konsentverfahren aus der Sociocracy. Ich bin ein Fan dieses Vorgehens, weil es vergleichsweise schnell zu guten Entscheidungen führt. Allerdings wird Erfolgskriterium 4 – Beeinflussung – deutlich verletzt. Denn es wird von einem fachkundigen Kollegen ein Vorschlag eingebracht und jeder in der Runde äußert seine Bedenken, zusammen mit Verbesserungsvorschlägen. Damit werden die Sichtweisen der anderen beeinflusst und es findet keine unabhängige Meinungsbildung statt.

Checkliste zur Schwarmintelligenz

<h1 id="premiumcontent:checklistezurschwarmintelligenz">Premium Content: Checkliste zur Schwarmintelligenz</h1> <p>Im Premium Content finden Sie eine Checkliste zur Schwarmintelligenz als kleine Alltagshilfe. Sie dient dazu, den größtmöglichen Nutzen aus Anwendungen der Schwarmintelligenz, wie Crowdsourcing und Open Innovation, zu ziehen. Hierzu sind die bereits genannten fünf Erfolgsfaktoren mit Erläuterungen in kompakter Form dargestellt.</p>Im Premium Content finden Sie eine Checkliste zur Schwarmintelligenz als kleine Alltagshilfe. Sie dient dazu, den größtmöglichen Nutzen aus Anwendungen der Schwarmintelligenz, wie Crowdsourcing und Open Innovation, zu ziehen. Hierzu sind die bereits genannten fünf Erfolgsfaktoren mit Erläuterungen in kompakter Form dargestellt.

Bitte teilen Sie Ihre Erfahrungen! Mich interessieren Ihre Erfahrungen mit Schwarmintelligenz. Wo erleben Sie Schwarmintelligenz? Welchen Nutzen sehen Sie darin? Bitte senden Sie mir eine E-Mail und lassen Sie mich Ihre Sichtweise kennenlernen!

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